Das erste Hamburger LiteraturCamp

Ich bin ein absoluter Fan von BarCamps und ich bezeichne mich als Bücherfresserin oder auf neudeutsch: Binge Reader. Also hatte mich das LiteraturCamp am 15. und 16. September 2018 in Hamburg durchaus interessiert. Die Tickets waren dann aber recht schnell weg. Kurz vor den Camps werden bei Twitter aber immer Tickets angeboten von Leuten, die dann doch nicht können. Und das war meine Chance, da hab ich zugeschlagen.
Ich hab umfangreiche Bildunterschriften geschrieben und der Rest steht auf den Sketchnotes, deshalb schreib ich nicht mehr soviel, seht selbst:

Auf der Sketchnotes sind Stichpunkte von der Auftaktveranstaltung zu lesen. U. a. stellte ein Mitglied des Kirchenrates die Katharinenkirche vor, in der das Camp stattfand. Anschließend ging es an die Sessionplanung, alle Vorschläge finden sich hier wieder. Sketchnotes: © Ania Groß

Mein erstes BarCamp mit einem Code of Conduct. Ich bin nicht dagegen. Gleichzeitig hat das aus meiner Sicht die Stimmung beeinflusst. So, als wenn die Idee von Gewalt (verbal oder physisch) erst möglich wurde, nachdem darüber gesprochen wurde.
Aufgefallen ist mir in diesem Zusammenhang ganz extrem das generische Maskulinum bei der Begrüßung: Es waren ca. 85 % Frauen unter den Teilgeberinnen und die Moderatorin stellte sich als Feministin vor. Ich habe immer die Vorstellung, dass wir Büchermenschen Sprache gegenüber ganz besonders sensibel sind und bin immer wieder erstaunt, dass das definitiv NICHT so ist.

Die erste Session nach dem Auftakt war meine eigene: Ein Sketchnotes-Mini-Workshop und ich war durchaus erfolgreich, einige Teilnehmende haben danach in ihren Sessions auch mitgesketcht! Außerdem wurde ich in den Sessionraum mit der Kamera „gesteckt“ und meine Session wurde gefilmt. Ich fand es schade, dass nicht die parallel laufende Session zu den rechten Verlagen gefilmt wurde, die hätte ich gern gesehen, aber ich war sehr begeistert von dem Mitschnitt, ich hatte nix zu meckern: Mein Aussehen, meine Stimme und der Workshop haben mir gut gefallen. Ich hatte ein gutes Sprechtempo und nach der Session kam noch ein kleines Gespräch zustande, wo Autor*innen und Buchblogger*innen Sketchnotes alltäglich einsetzen könnten.

Die Sketchnote enthält einen kompletten Tagesablauf. Außerdem die Arbeitsschritte „Vom Manuskript zum Buch“ und eine Vorstellung des Verlages, der ein Imprint (Unterverlag) von Carlssen, Hamburg, ist.Sketchnotes: © Ania Groß

In „Aus dem Leben einer Verlagslektorin“ haben Yvonne und Kerstin von Dark Diamonds einen Tagesablauf geschildert. Dabei haben sie auch kräftig die Werbetrommel für den Verlag Dark Diamonds gerührt (ich fand es aber dennoch nicht zu aufdringlich). Was uns alle vielleicht am meisten erstaunt hat: Zeit, Manuskripte zu lesen, ist erst abends, also in der Freizeit …

Die anwesenden Buchbloggerinnen haben berichtet, dass rezensionen auf ihren Blogs die am wenigsten geklickten Inhalte sind. Kurze Listen in der Art von „Die sieben besten Bücher zum Thema xy“ hingegen bringen massenhaft Klicks. Warum dann überhaupt noch Rezensionen, die doch so viel Arbeit machen? Sketchnotes: © Ania Groß

Ich ging zur Session „How to make Rezensionen great again“, weil ich nicht in der Lage bin, sinnvolle Rezensionen zu schreiben. Das hat sich leider auch in dieser Session nicht geändert. Es gab nicht, wie ich hoffte eine Anleitung, sondern u. a. eine Diskussion über die Vokabeln „authentisch“ & „subjektiv“ …

Retweeten, retweeten, retweeten. Haltung zeigen, Meinung haben, zum Beispiel in Schule und Familie. Lest Bücher VON Betroffenen, NICHT ÜBER. Sketchnotes: © Ania Groß

Das „Antifa-Actioncamp für Couch-Potatoes“ hatte eigentlich gar nichts mit Büchern zu tun. Da aber viele Camp-Teilnehmende sehr aktiv in Social Media sind, können sie alle eine Menge tun, zum Beispiel, indem sie Personen unterstützen, die die gleiche Meinung öffentlich vertreten und dafür zum Beispiel Kritik ernten. Ein bisschen illegal wurde es dann auch noch, aber man kann die eigene Botschaft auch völlig legal mit Kreide(-spray) aufs Pflaster bringen! Jemand hat danach noch recherchiert: Twitter_DE hat 50 Mitarbeitende, die sich um Meldungen kümmern. Nicht 10, wie in der Sketchnote steht.

U. a. steht in der Sketchnote „Vom Schreiben zu leben ist eine Mischkalkulation“. Eine Lesung bringt der Autorin 250 €, die Adventkalender verkauft sie für 24 €, der Preis für die Märchen stieg von 180 auf 550 €. Sketchnotes: © Ania Groß

Auch, wenn frau keine Bestsellerautorin ist, kann sie „Vom Schreiben leben“. Die Tätigkeit setzt sich dann aus mehreren Bausteinen zusammen. Im Fall von Ruth Frobeen sind diese Bausteine: Übersetzungen, Werbetexte, Märchen für Pärchen (Paartexte als Geschenk, v. a. für Hochzeiten), Literarischer Adventskalender für Kinder, Märchenbuch, Romane, Lesungen. Geholfen hat, dass die Medien das Thema Märchen für Pärchen aufgegriffen haben, seitdem ist dieses Standbein lukrativer.

Einige Themen: Historische Korrektheit in Büchern, Prägnante Sätze in Büchern, Alle Liebesromane sind gleich und langweilig, Charakterbeschreibungen, Vom Schreiben Leben, Welten-Basteln …Sketchnotes: © Ania Groß

Sessionplanung für Tag 2. Wie immer ein paar Sessions weniger. Zuvor der Hinweis auf die Feedback-Bögen und wo sie gesammelt werden.

Auf der Sketchnote steht unter anderem ein Zitat von Paul Watzlawick: „Man kann nicht nicht kommunizieren.“ Ob der Zusatz „Alles, was du sagst oder nicht sagst, wird gegen dich verwendet werden“ wirklich von ihm ist, bezweifle ich. Ich vermute, das wurde hier nur verkürzt wiedergegeben. Sketchnotes: © Ania Groß

Die Session „Hand in Hand kommunizieren“ war gut strukturiert. Im ersten Teil wurden verschiedene Arten zuzuhören vorgestellt. Im zweiten Teil gab es eine Einführung in Gewaltfreie Kommunikation. Dass das Brechen von Kommunikationsmustern in Romanen/Geschichten Stilmittel ist, musste kaum noch erläutert werden. Was wäre die Welt ohne misslungene Kommunikation und Missverständnisse?!

In Amerika gibt es sogar Kurse. Aber auch in Europa findet man Menschen, die über PoC und andere Gruppen Auskunft geben können. Diese Menschen sollten der Gruppe über die sie informieren selbst angehören. Alltagsrassismus beginnt viel früher als wir ahnen, zum Beispiel beim Indianerkostüm zum Kinderfasching oder mit dem Gebrauch von Gegenständen fremder Kulturen als Schmuckgegenstände. Sketchnotes: © Ania Groß

In der Session „People of Color (PoC) sind kein Plot Device“ ging es erstmal um Alltagsrassismus. Und wenn Autorinnen meinen, dass ihr Buch eine PoC braucht, dann sollen sie sehr sorgfältig recherchieren, am besten mit passenden Menschen zusammenarbeiten.

Auch Wasser kann tödlich sein: ca. 7 Liter innerhalb von 2 Stunden führen zu Organversagen. Die Tödlichkeit wird in LD-Werten angegeben. LD 50 bedeutet, dass die Menge 50% der Menschen tötet. LD ist die Abkürzung für Lethale Dosis. Wir lernten u. a. was über den Schierlingsbecher, Arsen, Fingerhut, Strychnin und Schlafmittel (es ist heute sehr schwierig, mit Schlafmitteln zu töten).Sketchnotes: © Ania Groß

Nehmt euch in acht, in der Session „Giftmord – aber richtig“ habe ich besonders gut aufgepasst. Für Autorinnen ist wichtig zu wissen, dass auch eine akute Vergiftung nicht SOFORT zum Tod führt. Außerdem haben die meisten Gifte Geschmack und sind schwierig zu verstecken, zum Beispiel in Essen oder Getränken.

Ich war erst ein bisschen irritiert, die Teilnehmenden – oder Teilgebenden, wie es auf BarCamps heißt – waren sehr jung, es waren sicher mehr als 85 % Frauen und Fantasy war das vorherrschende Lieblingsgenre. Ich gehörte dort also nicht zur größten Menge. Dafür war ich dann mit meiner Sessionauswahl doch ganz zufrieden, alle Fantasy-Klippen elegant umschifft. Im nächsten Jahr suche ich mir lieber ein weiteres klassischen BarCamp. Erwähnenswert klasse fand ich den Ort des Camps, die Hauptkirche St. Katharinen in der Hamburger Altstadt. Danke an die Kirche, dass wir dort sein durften.

Literatur-Sketchnotes bei der Nacht der Kirchen in Hamburg

Am vergangenen Sonnabend habe ich bei einer sehr spannenden Veranstaltung Sketchnotes gemacht: Zwei Autoren und eine Autorin lasen bei der Nacht der Kirchen in der Christ-König-Kirche in Hamburg-Lokstedt unter dem Motto „Lebe, liebe, lache“.

Ganz spontan Literatur live mitzuzeichnen, ist, glaub ich, nahezu unmöglich (ich lasse mich gern eines Besseren belehren). Ich jedenfalls wusste vorher, welche Ausschnitte aus ihren Büchern die Autorin und die Autoren lesen würden und konnte mir ein paar Gedanken zur Visualisierung machen. Denn während man normalerweise beim Sketchnoten auch viel schreibt, gibt es bei Literatur ja schon einen ausgefeilten Text, den es bei der Zuhörer*innen bildlich zu „verankern“ gilt.

Gino Leineweber las einige Abschnitte aus seinem Buch. Ich habe dazu eine Landkarte gezeichnet und ein Portrait von Ernest Hemmingway usw. Zeichnung und Foto: Ania Groß

Gino Leineweber: Wo der Teddybär wohnt – und andere Einsichten über Michigan

Den Anfang machte Gino Leineweber mit seinen Reisenotizen aus Michigan, einem US-Staat, der von seinen vielen Seen geprägt wird. Hemmingway verbrachte seine Sommerurlaube dort und noch heute sind die vielen Orte am Ufer des Lake Michigan ein Reiseziel im Sommer und zur Laubfärbung im Herbst.

Susanne Bienwald las u. a. den Anfang ihres Romans. Protagonistin Xenia ist hochsensibel. Deshalb habe ich beim "Kritzeln" u. a. einen Schwerpunkt auf die beschriebenen Geräusche gelegt. Am Ende las Frau Bienwald eine Passage, wo das schwierige Verhältnis von Xenia zu ihrem Vater beschrieben wurde, den sie als Kind sehr liebte. Schwierig zu zeichnen … Foto und Zeichnung: Ania Gross

Susanne Bienwald: Wittensee

Als zweites las Susanne Bienwald aus ihrem Roman über eine Studentin, Xenia, und wie diese ihre eigene Hypersensibilität erlebt, und welche Strategien sie entwickelt um im Leben klar zu kommen (und welche Konsequenzen das hat). Die Beschreibungen von Geräuschen fand ich unglaublich präzise und nachvollziehbar.

Rainer Moritz fragte, ob man das, was in Büchern geschieht, mit dem eigenen Erleben vergleichen kann (am Beispiel des jungen Werther). Und stellte dann verschiedene Bücher/Texte für unterschiedliche Lebenslagen vor. In zweien spielten Brathähnchen eine Rolle. Und eine pragmatische Katze kam bei Karen Duve zu Wort: "Wer jammert, hat noch Reserven". Zeichnung und Foto: Ania Gross

Rainer Moritz: Die Überlebensbibliothek

Nach einer kurzen Pause las dann der Leiter des Literaturhauses Hamburg, Rainer Moritz, aus seinem „Bücher-Ratgeber“ für Leser und Leserinnen. Er empfiehlt darin Literatur für viele, tw. auch etwas abstruse, Lebenslagen und er tut dies mit viel Humor.

So sah das aus: Meine zeichnenden Hände un der Block auf einer großen Leinwand hinter den Vorlesenden. Foto: Regine Christansen.

So sah das aus: Meine zeichnenden Hände und der Block auf einer großen Leinwand hinter den Vorlesenden. Foto: Regine Christansen.

Beim Zeichnen gefilmt zu werden, fand ich eher schön als störend, aber ich habe auch Erfahrungen mitgenommen: Ich muss größer schreiben (das habe ich sofort getan) und einen dickeren Stift verwenden (das mache ich beim nächsten Mal) oder alternativ auf einem kleineren Format zeichnen, damit die Kamera näher rankommen kann. Ich hatte A3 genommen, weil die Ergebnisse dann schon eine schöne Größe haben.